Eine Erinnerung an die ersten Abiturienten, die in Mayen die Reifeprüfung ablegten – und an eine Zeit, in der „Alles!“ gelernt werden musste.
Das erste Abitur an einem Gymnasium war im Jahre 1910 ein Ereignis – für Lehrer und Schüler eine besondere Leistung. Entsprechend wurde an der „Höheren Bürgerschule“ in der Alleestraße auf die Prüfung hingearbeitet. Uns wurde wahrlich nichts geschenkt.
Wenn wir schüchtern fragten, was wir denn besonders lernen und können müßten, kam stets dieselbe Antwort: „Alles!“ Wir mußten also versuchen, in allen Fächern alles zu bocken. Für heutige Gymnasiasten und Lehrer klingt das unglaublich. Dabei stelle ich rückschauend fest: Geschadet hat es uns damals und für unsere Zukunft wahrlich nicht. Wir wurden ans Arbeiten gewöhnt und hatten jeden Tag eine von der Schule festgelegte Arbeitszeit.
„Alles!“
Die knappe Antwort der Lehrer auf die Frage, was für das Abitur besonders gelernt werden müsse.
Wirtschaften zu besuchen, war uns sogar auf den Oberklassen verboten. Für meine Klasse war es deshalb ein großer Trost, daß ich bei Wolffs Karl in der Marktstraße wohnte und meine Bude direkt neben der Wirtsstube lag. Ich bekam viel und oft Besuch, und das verbotene Bier schmeckte uns um so besser.
Man kam freilich auch aus Wissensdurst, um – wie es in unserer Bierzeitung hieß – die damals regelmäßig abzuliefernden schriftlichen Hausarbeiten in Empfang zu nehmen. Abschreiben durften wir natürlich nicht. Jeder bekam daher seine eigene, ihm angepaßte Arbeit, damit „Ehrlichkeit und Selbständigkeit“ dokumentiert wurden.
Je näher die Prüfung rückte, desto größer wurde unser Eifer. Auf Entgegenkommen, Erleichterungen oder Fingerzeige warteten wir vergebens. Schließlich stiegen wir mutig ein und begannen mit sechs schriftlichen Arbeiten:
Und heute?! Im Mündlichen wurden wir nach den damaligen Bestimmungen alle in allen Fächern geprüft – Befreiungen gab es nicht. Der Stoff war nicht begrenzt, Wahl- oder Leistungsfächer kannte man nicht.
Wir schlugen uns wacker, selbst als der hohe Herr vom Provinzialschulkollegium plötzlich lyrische Gedichte von uns verlangte. Wir waren doch, ebenso wie unser Fachlehrer trotz Hertmannis Johanna aus der Hutfabrik gegenüber, so unlyrisch!
Am drolligsten war die Prüfung im Hebräischen. Keiner der Prüfungskommission außer dem Fachlehrer konnte ein hebräisches Wort lesen. Aber geprüft wurde trotzdem, es klappte fein, und die gelehrten Männer staunten – was sonst nur selten vorkommt. Obschon, wie bekannt, das Staunen der Anfang der Philosophie ist.
Alle bestanden. Mit stolzer Freude schrieben wir auf unsere Abiturkarte:
„Exitus acta probat.“
Der Wahlspruch, den die Abiturienten auf ihre Abiturkarte schrieben.

Doch damit war die Sache noch nicht beendet. Das Ergebnis wurde uns nur bedingungsweise mitgeteilt. Wir wurden nicht entlassen, sondern blieben zunächst Schüler, bekamen großzügig einige Tage frei und hatten dann wieder Unterricht, als sei nichts geschehen. Wochenlang dauerte dieser Schwebezustand.
Alle Prüfungsunterlagen mußten fein gesammelt und geordnet nach Berlin zum Ministerium geschickt werden, damit dort die Prüfung überprüft und bestätigt wurde.
Wir ertrugen auch diese Zugabe mit Mut, Hoffnung und Geduld. Schließlich kam die Freudenbotschaft aus Berlin: Alle hatten bestanden, und das Gymnasium in Mayen erhielt die Berechtigung zur Reifeprüfung.

Wir fühlten uns, wer wollte es uns verargen, als diejenigen, die daran ihren Anteil hatten. Wir hatten das Reifezeugnis in der Tasche und im Herzen das erhebende Bewußtsein: „Das verdankt Mayen auch uns!“
Und die Mayener dankten es uns. Sie waren stolz auf uns, und es wurden Festtage in Mayen. Wir schafften uns Stürmer und Couleurbänder in den Mayener Farben an und stolzierten, festlich geschmückt, durch die „Abiturstadt“.
Dann kam es noch schöner: In blumengeschmückten Droschken – die Blumen waren eigens aus Koblenz herbeigeholt worden – fuhren wir wie Sieger und Helden durch die Straßen des Städtchens, das sich mitfreute und mitfeierte.
Man stritt sich förmlich darum, uns einzuladen, sogar der Landrat und der Stadtbürgermeister. Es gab große Empfänge im Landratsamt und im Rathaus.
Zum Abschluß veranstalteten wir im großen Saale des Zehnthofs einen zünftigen Abschiedskommers mit über 500 Gästen.
Davon ein Ausschnitt im folgenden Foto.
